Die Reliquien der hl. Ursula und Gefährtinnen in Aldersbach

Der Legende nach soll die Jungfrau Ursula und ihre zehn Gefährtinnen um das Jahr 451 als Glaubenszeuginnen in Köln den Märtyrertod gestorben sein. Die nachträgliche Erweiterung der Anzahl der Jungfrauen von 11 auf 11.000 wird heute als unzutreffende Ausschmückung der Passio Ursulae angesehen. Bei den Zisterziensern erfreute sich das Gedächtnis an Ursula bzw. an die Elftausend Jungfrauen (Undecim Milium Virginum) großer Beliebtheit. So auch in Aldersbach, wo man die Formulare für die Feier des Gedenktages am 21. Oktober über die Jahrhunderte hinweg in den liturgischen Büchern finden kann. Hier erfuhr die Verehrung der Heiligen und ihrer Gefährtinnen im Jahr 1351 durch die Schenkung von Reliquien aus Köln zusätzlich an Bedeutung. Ob es sich bei diesen sterblichen Überresten tatsächlich um die der Heiligen Jungfrauen handelt, ist allerdings fraglich. Im Jahr 1106 wurde bei Arbeiten an der Stadtmauer ein Gräberfeld nördlich des römischen Kölns entdeckt, die Gebeine wurden für die der legendären 11.000 Jungfrauen gehalten (ager Ursulanus). Damals waren Reliquien aus Köln also „Massenware“, was dazu führte, dass deren Übertragungen in alle Welt überhandnahmen und letztendlich von Papst Bonifaz IX. im Jahr 1392 untersagt werden musste. (1)

Altarblatt des Ursula-Seitenaltars in der Klosterkirche Aldersbach
Altarblatt des Ursula-Seitenaltars in der Klosterkirche Aldersbach
Bild: CC BY-SA 4.0

Von der Reliquienschenkung berichtet als erster der Chronist Abt Wolfgang Marius (reg. 1511–44). Nach Marius wurde den Kirchenpatronen Maria und Johannes Baptist „die hl. Märtyrerin und Jungfrau Ursula beigesellt, als ihr Arm im Jahr des Herrn 1351 durch die adeligen und ehrenwerten Frauen Ahamerin und Chornhauffin unserem Kloster aus Köln als Geschenk mitgebracht wurde“. (2) Weitergehende Informationen bietet die Einleitung zum Aldersbacher Nekrolog des Jahres 1627: (3) „Die heilige Ursula, deren Reliquien in hoher Ehre gehalten werden, von denen wir aber durch in Silber eingravierte Schriftzeichen erfahren können, woher sie uns gebracht worden sind: Ein Teil des Armes der heiligen Ursula, Königin, Jungfrau und Märtyrerin, wurde uns von Köln herbeigebracht in Anwesenheit von Reinold von Gutenegg und Octlin Aesenhaimer. Im Jahr 1351.“ (4+5) Die beiden „ehrenwerten Frauen“ waren die Überbringerinnen, die Herren lediglich bei der Ankunft in Aldersbach anwesend. Der Hinweis auf den silbernen Schriftzug, der die Herkunft erklärt, ist bemerkenswert. Dieser lässt darauf schließen, dass die Armreliquie zu dieser Zeit in einem Reliquienschrein aufbewahrt wurde, an dem diese verschriftlichten Informationen angebracht waren.

Darüber gibt unter anderen auch die Chronik des Abtes Gerard Hörger Aufschluss. Sein Amtsvorgänger und Erbauer des spätgotischen Chores Michael Kirchberger (reg. 1612-35) ließ „nit allein die grosse Prustbildter S. Urbany, S. Ursulae und S. Eugeniae von guetem Silber schlagen, sambt dero mit Silber geziehrt: unnd Ebnem Holtz fornierten Stöckhen: sonndern auch noch anndere acht schwarze zierlich unnd khünstlich mit villen unnderschiedlichen heil. khösstlich geziehrt: und eingesezten heil. Reliquien unnd gebain“ anfertigen. Man kann also davon ausgehen, dass in den Holzuntergestellen der Silberbüsten auch die dazugehörenden Reliquien aufbewahrt wurden. Vermutlich handelt es sich auch bei dem Ursula-Reliquiar, das bei einer Prozession anlässlich des Empfangs der Reliquien des Ordensheiligen Robert in Aldersbach im April 1655 mitgeführt wurde, um die Ursula-Büste bzw. die darin aufbewahrte Armreliquie. In der erhaltenen Prozessionsordnung wird an Position 8 „Pater Franziscus Rottenhaslacensis“ (7) genannt, der „cum brachio sanctae Ursulae“ (mit dem Arm der heiligen Ursula) am feierlichen Umzug teilnahm. (7)

Über den Verbleib der Silberbüsten samt Sockel berichtet der ehemalige Aldersbacher Pfarrer Willibald Hauer im Führer der barocken Kirche: „Neben der Marienstatue [am Hauptaltar] stehen gewöhnlich die in Silber gefassten Büsten der hl. Ursula und Eugenie auf schwarzgebeizten Sockeln. … Die beiden Büsten dürften … der Zeit um 1720-1730 angehören. ... Sie scheinen freie Nachbildungen der gleichnamigen Büsten zu sein, die Abt Michael Kirchberger „von gutem Silber“ angeschafft hatte. (8) Die in Ebenholz ausgeführten Sockel der Holzbüsten zeigen den Stil der Zeit um 1620–1630, gehörten also wohl zu den getriebenen Silberbüsten. Sie enthalten Reliquien der Heiligen. Der Silberdekor, der sie einst schmückte, wurde durch die Säkularisation beseitigt.“

Eine Beschreibung der Ausstattung der Klosterkirche aus dem Jahr 1738 bietet weitere Details: (9) „Hauptaltar: … Fünf Silberbüsten, darin folgende Reliquien: Haupt des Papstes und hl. Märtyrers Urban, Haupt der hl. Märtyrerinnen Ursula und Eugenia, (9) zwei Häupter von Gefährtinnen der hl. Märtyrerin Ursula mit etlichen Reliquien der elftausend Jungfrauen. Ein Zahn des hl. Johannes Baptist und eine große Kreuzreliquie im silbernen Kreuz. Die Reliquien wurden an den betreffenden Festtagen ausgestellt.“ Für den 2. Seitenaltar zu Ehren der hl. Ursula auf der linken Seite des Kirchenschiffs liefert die Beschreibung folgende Information: „An diesem Altar werden am Gedenktag der Heiligen [21.10.] ihre Armknochen ausgestellt.“

Die Schenkung der Reliquien der heiligen Ursula und Gefährtinnen hat indirekt in einem Wirtschaftsbuch Erwähnung gefunden. Bernhard Lübbers Edition der ältesten Aldersbacher Rechnungsbücher enthält für das Jahr 1353 folgende Ausgaben: „Ebenso dem Maler und Kunstschreiner für Gold, Silber, Farben, für die Versorgung und den Preis für die Bilder der seligen Jungfrau, des heiligen Johannes des Täufers, der heiligen Ursula und der sechs Häupter: 18 Pfund." (11) Eindeutig handelt es sich hier um eine bildliche Darstellung der drei Klosterpatrone, zu denen Ursula nach der Reliquienschenkung von 1351 gerechnet wurde. Der von Lübbers dokumentierte Rechnungsbucheintrag stellt somit den frühesten Nachweis für die Schenkung dar.

Bei bauhistorischen Grabungsarbeiten durch das Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) im Kapitelsaal des Klosters Aldersbach in den Jahren 1983–85 wurde, neben zahlreichen weiteren Skelettresten, ein fast zerstörter Holzschrein an herausragender Position vor dem Sockel eines nicht mehr vorhandenen Altars gefunden, in dem sich sechs Schädelkalotten und einige Langknochen befanden. Man identifizierte den Fund mit dem Unterarmknochen Ursulas und den Schädelfragmenten von sechs ihrer Gefährtinnen. Die Reliquien wurden zur Untersuchung an die Anthropologische Staatssammlung München geschickt und sollten danach wieder nach Aldersbach gebracht und in einem Schrein im Winterchor aufbewahrt werden. (12) Laut Akten sollten jedoch alle Skelettfunde in einem Sammelgrab in der Mitte des Kapitelsaales bestattet worden sein. In einer Aktennotiz des BLfD vom 30.04.1985 (13) wird vom Ende der Grabungsarbeiten im Kapitelsaal und der Auffüllung der Grabungsstätten mit Kies berichtet. Zuvor sollten die aufgefundenen Knochen und Skelette in die gemauerte Gruft (= Sammelgrab) gelegt und mit einer Betonplatte verschlossen werden. Eine diesbezügliche Anfrage an die Staatssammlung erbrachte keine neuen Erkenntnisse. Nach Auskunft des Mitarbeiters Dr. George McGlynn (14) existiert keine Dokumentation der Untersuchungen. So überrascht es umso mehr, dass das Pfarramt Aldersbach bereits im Jahr 2016 vom BLfD informiert worden war, dass die Untersuchungen an den im Kapitelsaal aufgefundenen Gebeinen abgeschlossen sei und wieder nach Aldersbach verbracht werden können.

Aufgrund der oben angeführten historischen Fakten zur Geschichte der Kölner Reliquien im Kloster Aldersbach kann dem Befund des BLfD nicht vollumfänglich zugestimmt werden. Die Armreliquie der hl. Ursula war seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts, vermutlich bereits seit der Zeit Wolfgang Marius, nicht im Kapitelsaal bestattet. Ich gehe davon aus, dass sich die Armreliquie nie dort befunden hat. Warum hätte man die wertvollen Relikte auch im Boden „verstecken“ sollen, wenn man sie prominent in der Kirche ausstellen konnte? Die Möglichkeit, damit Pilger anzulocken, hatte vor allem auch finanzielle Vorteile. Seit dem späten 16. Jahrhundert stand die Klosterkirche auch Laien offen.

Durch die besondere Position des Holzschreins im Boden des Kapitelsaals vor dem einstigen Altar und durch die gemeinsame Aufbewahrung der sechs Schädelkalotten und Langknochen ist ein Zusammenhang mit der Reliquienschenkung trotzdem nicht von der Hand zu weisen. Eine Verbindung zwischen den im Rechnungsbuch von 1353 erwähnten und den bei der Grabung gefundenen sechs Schädelkalotten zu sehen ist naheliegend. Wenn man allerdings der zuvor zitierten Beschreibung aus dem Jahr 1738 Glauben schenken möchte, wonach „zwei Häupter von Gefährtinnen der hl. Märtyrerin Ursula“ am Hochaltar aufbewahrt werden, müssten insgesamt mindestens acht Schädelkalotten den Weg nach Aldersbach gefunden haben.

Im Rahmen des Festgottesdienstes zum Abschluss der Renovierungsarbeiten und der Weihe des neuen Volksaltars am 24. November 2024 wurden die vom BLfD retournierten, angeblichen Reliquien Ursulas aus dem Kapitelsaal vor dem zweiten linken Seitenaltar bestattet. Sehr wahrscheinlich handelt es sich hier jedoch um die Langknochen und die sechs Schädelkalotten der Gefährtinnen. Die eigentliche Armreliquie Ursulas sollte sich weiterhin im Reliquiar unterhalb der silbergefassten Büste am Hochaltar befinden.

Zusammenstellung: Robert Klugseder


Anmerkungen
  • 1) Informationen aus der Ursula-Informationsseite des Erzbistums Köln.
  • 2) „Quibus sancta martyr et virgo Vrsula associata est, quando ipsius bracchium sub annis domini 1351 per nobiles et honestas matronas Ahamerin et Chornhauffin de colonia asportatum est et monasterio nostro donatum“ (Annales Kapitel 5, deutsche Übersetzung von Kalhammer/Kapsner, Marius Annales 61, sinngemäß auch bei Mannstorf überliefert).
  • 3) BayHStA Kloster Aldersbach Amtsbücher und Akten (KAAA) 35, fol. 4r.
  • 4) „S. Ursula, cuius reliquiae in magna veneratione habentur, unde autem nobis allatae fuerint ex literis argento incisis percipe: Pars brachii ipsius Ursulae reginae, virginis et martyris, allata nobis Colonia praesentibus Reinoldo de Guöteneck et Octlin Aesenhaimerio. Anno 1351.“
  • 5) Reinold Guteneck war Priester und Dekan in Krems an der Donau, Wohltäter des Klosters und wurde hier begraben (Nekrologeintrag für den 16.07.). Die Burg Guteneck befand sich in der ehemaligen Hofmark Dummeldorf, heute Gemeinde Johanniskirchen. Bei Octlino könnte es sich um Ott Asenhamer, Pfleger zu Haidenburg handeln (Siegler der Urkunde BayHStA Domkapitel Passau 606, 1370 VII 08).
  • 6) Pater Franz Zweckstetter aus dem Zisterzienserkloster Raitenhaslach, † 18.07.1668, war Subprior und Cantor.
  • 7) KAAA 63.
  • 8) Meiner Ansicht nach sollte zum Alter dieser Büsten eine erneute kunsthistorische Untersuchung erfolgen. Es ist nicht wirklich nachvollziehbar, warum man die von Abt Kirchberger beauftragten Silberbüsten neu anfertigen hätte sollen. Die weniger langlebigen Holzsockel wurden weiterverwendet, ebenso das Altarblatt von Matthias Kager (1619) und die Marienstatue von Hans Degler.
  • 9) KAAA 31.
  • 10) Unklar ist, ob es sich hier, wie die Beschreibung angibt, um die römische Märtyrerin Eugenia handelt, oder um eine Gefährtin Ursulas mit gleichem Namen.
  • 11) „Item pictori et scriniatori pro auro, argento, coloribus, pro prebenda et precio de ymaginibus beate virginis, sancti Johannis baptiste, sancte Vrsule et de sex capitibus XVIII lb“ (Rechnungsbucheintrag R4001). Vgl. dazu auch die Ausführungen Lübbers in der dazugehörenden Fußnote.
  • 12) Briefwechsel zwischen dem zuständigen Architekten Wörlen und dem BLfD aus dem Jahr 1985, Archiv des Förderkreises Kloster Aldersbach.
  • 13) Nr. 1648/85.
  • 14) E-Mails vom 17.11.2020 und 20.04.2021.

Literatur
  • Hartig, Michael: Die Annales ecclesiae Alderspacensis des Abtes Wolfgang Marius (1514-1544), in: Verhandlungen des historischen Vereins für Niederbayern 42 (1906) 1-112 und 43 (1907), 1-113
  • Hauer, Willibald bzw. Katholisches Pfarramt Aldersbach (Hg.): 850 Jahre Zisterzienserkirche, Aldersbach 1996
  • Kalhammer, Hubert und Kapsner, Alois (Hg.): Jahrbücher oder Chronik des Hauses (Klosters) Aldersbach, herausgegeben von Bruder Wolfgang, Abt, in: Klugseder, Robert (Hg.): 850 Jahre Zisterzienserkloster Aldersbach 1996, 49-165 (deutsche Übersetzung).
  • Klugseder, Robert: Das Nekrolog des Klosters Aldersbach: Bemerkungen zur Neuedition und zu darin enthaltenen historisch relevanten Informationen, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern 145 (2019)
  • Klugseder, Robert: Daten zur Baugeschichte des Klosters Aldersbach, in: Klugseder, Robert (Hg.): Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte des Klosters Aldersbach (= Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige. Ergänzungsband 55) (Tagungsband), St. Ottilien 2021, 391-472
  • Lübbers, Bernhard: Die ältesten Rechnungen des Klosters Aldersbach (1291-1373/1409), München 2009 (= Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte N.F. 47,3)
  • Mannstorff, Michael: Epitome Chronicorum Alderspacensium oder Kurtzer Auszug Aus denen Geschichts-Buechern Des Nunmehre 600. Jahr bestaendig unter dem Heil. und befreyten Cisterzer-Orden stehenden Klosters Alderspach, Stadt am Hof 1746.